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St. Nikolai Kirche Geschichte

Ein im Norden eher seltener Backsteinbau. Durch die kulturhistorischen Merkmale und städtebauliche Bedeutung stellt die Kirche aus denkmalpflegerischer Sicht ein nationales Kulturerbe dar. Registriert in der Liste der Kulturdenkmale im Freistaat Sachsen.Betritt der Besucher die Nikolaikirche durch das westliche Turmportal, so bietet sich ihm ein eindrucksvolles Raumerlebnis. Auf einer Gesamtlänge von 55 Meter und 12 Meter Raumhöhe wandert der Blick durch das Schiff mit den sechs Pfeilern bis hin zum Altar. Auf den zweiten Blick bemerkt man jedoch Schäden, die seit der Kriegszerstörung im Jahr 1945 immer noch nicht beseitigt sind. Damals sanken im Artilleriebeschuss Stadt und Kirche in Schutt und Asche. Trotz erfolgreicher denkmalpflegerischer Aufbauarbeit fehlen heute immer noch die Gewölbe im Turm, Kirchenschiff und Fürstenloge.

 

Ebenso sind die große Orgel, die Kanzel und der Taufstein, der Wendelstein zur Fürstenloge und manche nicht sofort erkennbaren Bauelemente und Einrichtungen noch nicht wieder hergestellt. Auch ein Rundblick über Eilenburgs Umgebung oben vom Turm ist leider noch nicht möglich, da der Treppenaufstieg fehlt. Zum erfolgreichen Wiederaufbau, an dem sich die Stadt und viele Spender in dankenswerter Weise beteiligten, zählen die Turmreparatur 1952/2000, die neuen Dächer 1955/2006/2008, das 1961 im Chor entstandene Gewölbe und sämtliche Sandsteinmaßwerke der Fenster. 1997 erhielt der Turm seine barocke Turmhaube wieder zurück mit offener Laterne nach dem Vorbild von 1672. Im Jahre 2005 erfolgte mit der Fundamenttrockenlegung eine wesentliche Nutzungsverbesserung. Mit der Rekonstruktion des Volutenziergiebels der Fürstenloge fand 2006der äußere Wiederaufbau 61 Jahre nach Kriegsende seinen Abschluss. Seit 2009 erklingen über Eilenburg auch wieder fünf Bronzeglocken.Als nächstes anspruchsvolles Vorhaben soll das Kirchenschiff wieder seine Kreuzgewölbedecke erhalten.

 

Die Stadtkirche ist das älteste in seiner äußeren Erscheinungsform erhalten gebliebene historische Bauwerk der Stadt. Mit der gleichfalls sehr alten evangelischen Marienkirche (ca. 1517) und der wesentlich jüngeren katholischen Pfarrkirche St. Xaverius (1854) verfügt Eilenburg somit über drei sakrale Bauwerke. Den Grundstein zum Turm legte 1496 Kurfürst Friedrich der Weise. 1672 erhielt der Turm seine heutige Höhe von 62,55Meter und eine barocke Turmhaube mit offener Laterne. Das ursprüngliche Geläut von 1601 fiel der Zwangsabgabe in den beiden Weltkriegen zum Opfer. Über einen Wendelstein aus Rochlitzer Porphyr gelangt man zu einer Ausstellung des Fördervereins, der seit 1994 den Wiederaufbau aktiv begleitet. Außen am Turm ist eine Höhenmarke für Eilenburg erkennbar: 103,072 Meter über NN. Im Altarraum nimmt ein dreiflügliger Schnitzaltar den Besucher hinein in eine andächtige Stille. Die hervorragende Arbeit von 1506 aus der Blütezeit christlicher Schnitzkunst steht auf einem Blockaltar aus Sandstein und ist trotz ihrer Fehlstellen und dem verlorengegangenen Gesprenge von beeindruckender Aussagekraft. Er wird hoch oben von einem Kruzifix Vor dem Altar ruht in einer Gruft Martin Rinckart mit seiner 2. Ehegattin Barbara.

 

Eine schlichte Sandsteinplatte weist auf das Grab hin. Er ist der Dichter und Komponist des über den Kirchenraum weit hinaus verbreiteten Chorals „Nun danket alle Gott.“ Rinckart wirkte 32 Jahre hier in seiner Vaterstadt als Archidiakon. Die Eilenburger ehren Martin Rinckart. Im Dreißigjährigen Krieg bewahrte er „unter viel Schweiß und unter Wagen meines Halses“ die Stadt vor der Zerstörung durch den schwedischen Obristen Derfflinger. Diesem Ereignis widmeten Eilenburgs Stadtväter 1907 ein Monumentalgemälde des Berliner Kunstmalers Prof. Adolf Schlabitz, „Der Bittgottesdienst“. Dieses eindrucksvolle Werk sollte man sich in der Aula im Haus Rinckart nicht entgehen lassen. Die Nikolaikirche erfährt durch Gottesdienste und Kirchenkonzerte, kirchliche und städtische Festveranstaltungen, Ausstellungen und Führungen bis hin zum Weihnachtsmarkt eine lebhafte Nutzung. Weiterführende Informationen hält ein Büchertisch in der Sakristei bereit.

 

Kirchengeschichte in Zahlen (ein Auszug)

  • Um 970 soll die erste Kapelle am jetzigen Altarplatz der Nikolaikirche entstanden sein. Um 1000 wird auf dem Schloss die St. Petruskapelle gebaut.
  • 1150 soll eine bedeutende Vergrößerung derart erfolgt sein, dass die Stadtkirche ihre jetzige räumliche Gestalt erhielt
  • 1435 Nikolaikirche brennt zum erste Male ab, 1535 zum zweiten Male
  • 1444 Aufbau der Nikolaikirche in der heutigen Form, in schwerer Zeit und mit großen Opfern der armen Gemeinde. 1496 Grundsteinlegung für den Turm
  • 1521Martin Luther reformiert Eilenburg. 1530 erste evangelische Kirchenvisitation
  • 1617 – 1649 Martin Rinckart (geb. 1586, gest. 1649); 1636 erscheint „Jesu Hertzbüchlein“. 24. Februar 1639 Bittgottesdienst
  • 1672 Erhöhung des Turmes mit barocker Turmhaube und offener Laterne, 1945 zerstört, 1997 wiederaufgebaut
  • 1945 17.-22. April Zerstörung Eilenburgs und der Nikolaikirche durch amerikanischen Artilleriebeschuss
  • 1952 – 1955 Wiederaufbau der Dächer. 2000 Außensanierung des Turmes. 2005 Trockenlegung der gesamten Kirche und Einbau der Glastrennwand zum Turm hin
  • 1961 Wiederaufbau des Altarraumes als „Chorkirche“. 2002 denkmalpflegerische Restaurierung Chorkirche und Sakristei und Einbau einer Fußbodenheizung
  • 1997 Wiedereinrichtung der barocken Turmhaube mit offener Laterne (975.000 DM)
  • 2002 Das Hochwasser verursacht an der Kirche mit 1,50 m Höhe schwere Schäden
  • 2006 – 2008 Dächer erneuert und äußeren Wiederaufbau abgeschlossen
  • 2009 Komplettes Geläut mit fünf Bronzeglocken wiederaufgebaut
  • Geplantes Wiederaufbauende 2021 (Gewölbe, Orgel, Ratsherrenstube, Fürstenloge, Turmnutzung)

 

Text: Ernst Gottlebe